Willkommen hinter dem Schleier!
Das Blog "Reflektionen" auf dieser Seite ist rein fiktional und OFFSTAGE und repräsentiert Gedanken einer Figur des Theaters der Vampire.
Kapitel 1
Köln 1855.
In diesem Jahr beginnt meine Geschichte. Natürlich mit meiner Geburt, womit alle Menschenleben beginnen. Man erzählte mir später, es soll ein sonniger Herbsttag gewesen sein, als ich, Sohn Vergadens, das Licht der Welt erblicken durfte, obwohl man besser sagen sollte, musste! Schließlich blieb mir ja keine andere Wahl. Meine Mutter habe wahnsinnig gelitten, wand sich wohl stundenlang unter Wehen und verfluchte meinen Vater während der Geburt unzählige Male. Doch er soll dies mit einem freudigen Lächeln entgegengenommen haben, was meine Mutter letztendlich zur Raserei brachte. Zu ihrem Vorteil verkürzte sich dadurch die Geburt, da sie mich mit der Kraft aus Wut über meinen Vater aus dem Leib presste. Besser kann ein Start in das Leben doch nicht laufen, oder?
Zu diesem Zeitpunkt lebten in Köln schätzungsweise 106.000 Menschen. Mit etwas Glück war ich sogar der 106.000ste Bewohner dieser alten Stadt. Am 3.Dezember 1855 waren es genau 106.852 Einwohner. Falls das jemanden interessieren sollte.
Als Einzelkind, was zu jener Zeit eher untypisch war, konnte ich alle Großzügigkeit glücklicher Eltern in Anspruch nehmen. Meine Mutter weigerte sich, noch einmal solch schreckliche Stunden einer Geburt hinnehmen zu müssen. Ich werde mich sicherlich nicht darüber beklagen!
Denn zu meinen weiteren Gunsten war mein Vater sehr gut betucht, was er aber letztendlich seinen fleißigen Vorfahren zu verdanken hatte. Diese hatten sich in Dänemark vor etwa zweihundert Jahren mit Wolle dumm und dämlich verdient.
Mir sollte es recht sein. Schließlich lebte es sich als Einzelkind sehr gut damit. Mein Vater hatte sich aber nicht mehr mit Wolle beschäftigt, so wie es bereits sein Vater und auch sein Großvater nicht getan haben. Das Geschäft mit dem Geld an sich verlieh der Familie Vergaden nun Reichtum und erleichterte den Zugang zur exquisiten Gesellschaft.
Mein Vater war stolzer Besitzer einer kleinen Bank, dessen Einzugsgebiet sich lediglich auf Köln bezog. Durch den Wechsel der französischen Besatzung durch die Preußische im Jahre 1814, erhoffte sich mein werter Herr, selbst nach all den Jahren, einen erheblichen Zuwachs seiner Bankkunden, und streckte seine Finger immer weiter nach der linken Rheinseite von Köln aus. Er lockte sie mit günstigen Kreditangeboten und lohnenswerten Anlagen. Natürlich nutzte er auch noch die Ablösung der französischen Währung im Jahre 1848 aus, und bereicherte sich an dem Unwissen seiner Kunden.
Alles Zeug von dem ich wenig verstand, und auch ehrlich gesagt, wenig verstehen wollte. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Sicherlich folgte ich brav der streng konservativen Erziehung, welche mich ab dem 12. Lebensjahr erwartete. Ich bemühte mich ein vorzeigbarer Sprössling des Hauses Vergaden zu sein. Dennoch schmeckte ich bald die triste Verlorenheit zwischen all diesem gespielten höfischen Leben, in der Oberflächlichkeit und dessen Wirkung höchste Priorität besaßen. Noch heute spreche ich meinen Eltern hohen Respekt für ihre schauspielerischen Talente aus. Noch eben waren sie beispiellose Gäste bei hohen Persönlichkeiten der Stadt Köln, zum Beispiel bei dem anerkannten Bankier Schaaffhausen. Doch kaum waren sie hinter der eigenen Türe, plapperten beide ungeniert über die doch recht peinliche Pleite, welcher besagter Bankier vor einigen Jahren überwinden musste. Ein Schlagabtausch von niveaulosen Lästereien erheiterte das Gemüt meiner Eltern für den restlichen Abend. Nur gut, dass ich bei der Lektion des gespielten Lächelns sehr gut aufgepasst habe.
Die Möglichkeit, einer ausgezeichneten schulischen Ausbildung, kostete ich gänzlich aus. Ich lernte meinen Wissensdurst kennen, begann ihn immer mehr zu mögen und hegte und pflegte ihn auf alle erdenkliche Weisen. Selbst ein Studium war mir vergönnt, auch wenn der Wirtschaftszweig nicht gerade jener war, den ich mir erträumte. Eher zog es mich zu der Geschichte oder Naturwissenschaft hin. Das Leben an sich ist bunt, interessant und unerschöpflich. Nicht der undurchdringliche Sumpf an Zinsen, Renditen oder sonstigem Bankier-Kauderwelsch. Doch die Macht des Vaters war stärker. Schließlich hatte ich den ehrbaren Ruf der Vergadens weiter zu führen. Selbsterklärend als Bankier.
Tapfer versuchte ich mich in der praktischen Umsetzung des Erlernten an der Universität, indem ich meinem Vater zur Hand ging, auch wenn es eher die Eintreibung fälliger Schulden von recht armen Mitbewohnern der Stadt Köln war. Ich werde wohl nie verstehen, wie man ausgerechnet jener Schicht der Gesellschaft auch noch Kredite anbieten konnte, wo man im Vorfeld schon wusste, dass diese niemals zurückgezahlt werden konnten. Irgendwie schien mein Vater das Prinzip der 1826 gegründeten Sparkasse in Köln nicht verstanden zu haben.
Letztendlich habe ich es jedoch genau dieser widerlichen Tätigkeit des Schuldeneintreibens zu verdanken, dass sich das Rad des Schicksals für mich komplett neu orientieren konnte. Bis heute noch erwische ich mich immer wieder mit der Frage, ob jene Wende denn wirklich die bessere war. Was wäre anders gelaufen, hätte ich die Bank meines Vaters weitergeführt? Und diese wahrscheinlich letztendlich in den Ruin getrieben.
Ich komme immer wieder auf dieselbe Antwort zurück, egal wie ich es drehe oder wende. Es war der bessere Weg. Und warum bohre ich immer wieder mit dieser Frage nach jenem unabwendbaren Zeitpunkt? Ändern kann ich es nicht. Das Schicksal konnte noch nie jemand abwenden. Darüber zu philosophieren ist gänzlich Zeitverschwendung, kann sogar in alberne Träumerei ausarten.
Und jetzt schreibe ich auch noch ein Buch darüber. Herrlich kontrovers.
Doch nun schweife ich von meiner Geschichte in die unergründlichen Tiefen meiner Selbst ab. Kommen wir auf jenen schicksalhaften Tag im Jahre 1876 zurück, vier Jahre bevor der Kölner Dom nach 632 Jahren endlich vollendet wurde.
